Leitspruch des hl. Ignatius, der seine Spiritualität zusammenfasst: Gott ist in allem wirksam und gegenwärtig, er „umarmt uns durch die Wirklichkeit“ (Willi Lambert), also durch alles, was wir erleben und nicht durch Ideen, Gedanken, Ideale, schöne Gefühle,…
M. a. W.: wir brauchen nicht aus unserem Alltag auszubrechen, um ihm zu begegnen, z. B. in einer Kirche, beim Chorgebet oder in der Messfeier; er ist mir in der Küche nicht weniger nahe als vor meinem Computer, in einer anstrengenden Versammlung, vor meiner Klasse,…
Um diese Gegenwart zu entdecken, braucht es natürlich das formelle Gebet und das Leben der Kirche, vor allem aber das Einüben mit dem Gebet der liebenden Aufmerksamkeit, das zu einem kontemplativen Blick auf das Leben einlädt.
1. Drei Vorbedingungen
a) 1. Schritt: zu mir kommen, mich sammeln, ruhig werden, bei mir sein.
Augustinus: „ab exterioribus ad interiora“, d. h. aus dem Alltagsstress heraus kommen, Sorgen und Termine, Projekte, usw. hinter mir lassen können, um in der Ruhe des Herzens und des Geistes auf Gott aufmerksam zu werden.
Beim Gruppentreffen kann die Ankommrunde diese Funktion übernehmen: ich teile meine eigene momentane Befindlichkeit mit um innerlich frei zu werden und den anderen gut zuhören zu können.
Biblisch: hören = sich auf die Suche nach Gott begeben; seine Stimme kann ich nur vernehmen, wenn ich Abstand nehme von mir selbst und meinen Beschäftigungen, wenn ich mich auf ihn hin orientiere und auf sein Wort, das meist nur „ein sanftes, leises Säuseln“ ist, ein „Nichts von Windhauch“ kein Sturm, großes Feuer oder Erdbeben (cf. (1 Kön 19,11-13).
b) Ignatius bietet eine 2. Hilfe an, um die Spuren Gottes in meinem Leben zu entdecken: Innerlich verkosten. „Nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das Innerlich-die-Dinge-Verspüren-und-Verkosten.“ (GÜ, 2) Beim Rückblick auf mein Erleben kommt es darauf an, was mich berührt hat, was aus dem Alltag hervorragt und eine besondere Qualität in der Erinnerung bekommt. Also achtsam werden, auf das, was mich freut, froh und gut gemutet stimmt oder aber beschäftigt, Sorge macht, Fragen aufwirft. Das kann etwas sehr Unscheinbares sein: ein Wort, eine Begegnung, ein Gedanke, der wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, eine Frage oder Sorge, die sich leise zu Wort meldet. Wie berührt mich eine Situation oder Person und warum? Was sagt mir dieses Erlebnis?
= Etappe der Reflexion; Augustinus: „ab interioribus ad superiora“
Biblisch: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen“ (Lk 2,51) Also nicht zwanghaft den Film meines ganzen Tages abspulen lassen beim persönlichen Rückblick oder in der Anhörrunde alles ungefiltert erzählen, was mir passiert ist, sondern meine Aufmerksamkeit auf das richten, das mich berührt hat und nachspüren/nachdenken warum dem so ist. So wie ein Goldwäscher sich nicht alle Steinchen in seinem Sieb genauestens ansieht, sondern sich auf den/die konzentriert, die wie Gold glänzen.
c) Mit dem Blick des Glaubens die Zeichen von Gottes Gegenwart in meinem Leben erkennen und deuten lernen: Gott ist zwar nicht die direkte Ursache von allem, was mir zustößt, aber er ist an meiner Seite, auf der Suche nach mir in allem, was ich erlebe. Wenn uns der Alltag banal, langweilig und als Wiederholung immer des Gleichen erscheint, verkennen wir, dass Gottes Liebe uns ständig begleitet, uns sucht und uns nicht selten vorangeht. Es geht darum, im Glauben diese Liebe jeden Abend im Tagesrückblick neu zu entdecken, Gottes Nähe und Zärtlichkeit im grauen Arbeitsalltag zu finden. Durch die Erinnerung können uns solche Momente bewusst werden als Geschenke Gottes.
– Allzu oft ist unser Handeln von dem bestimmt, was wir glauben, tun zu müssen; dahinter kann sich ein unfreier Drang/Zwang verstecken, Ziele zu erreichen, die wir uns selbst gesteckt haben ohne zu fragen, ob sie Gottes Willen entsprechen. Resultat: Aktivismus.
– Wir können uns auch hauptsächlich von unseren (christlichen) Überzeugungen leiten lassen, was an sich schön und gut ist, aber die Gefahr beinhaltet, stur zu handeln ohne Rücksicht auf unsere Verfasstheit und Grenzen und die der anderen. Resultat: Fanatismus.
Für Ignatius soll sich unser Handeln von der Dankbarkeit her leiten lassen: eine liebevolle Antwort auf die bewusst wahrgenommene Liebe Gottes in unserem Leben, eine freie Antwort, die versucht, die Gefahren der Selbstsucht, der Machtausübung, des Neides oder Ressentiments zu meiden. Unser Leben ist ein Weg mit Gott und auf Gott hin: „en todo amar y servir“.
2. Wie kann ich Gottes Liebe im Alltag wahrnehmen?
In der „Betrachtung um Liebe zu erlangen“ (GÜ 230-237) weist Ignatius vier Wege auf, um Gottes liebevolles Wirken in unserem Leben zu erkennen. Diese Wege bilden die Grundlage des Gebets der liebenden Aufmerksamkeit.
Als erstes gilt es, sich davon zu überzeugen und glaubend anzunehmen, dass Gott uns liebt und uns seine Liebe mitteilen möchte: „Die Liebe besteht in Mitteilung von beiden Seiten, nämlich darin, dass der Liebende dem Geliebten gibt und mitteilt, was er hat oder kann; und genauso umgekehrt der Geliebte dem Liebenden.“ (231)
a) „Die empfangenen Wohltaten von Schöpfung, Erlösung und besonderen Gaben ins Gedächtnis rufen, indem ich mit vielem Verlangen erwäge, wie viel Gott, unser Herr, für mich getan hat und wie viel er mir von dem gegeben hat, was er hat, und wie weiterhin der Herr sich mir zu geben wünscht sosehr er kann.“
M.a.W.: die Schöpfung ist nicht ein historisches Datum in ferner Vergangenheit, sondern ein Handeln, das mich persönlich auch heute noch betrifft: Gott hat mich erschaffen und mir das Leben geschenkt, ich verdanke mich seiner Liebe, ohne die ich nicht existieren würde. Und er hält mich am Leben, er beschützt und birgt mich, führt mich zu immer mehr Leben und Entfaltung. Ebenso hat Jesus sein Leben auch für mich hingegeben, um mich mit allen anderen Menschen aus der Versklavung der Sünde zu befreien und mich zum Heil- und Ganzsein hinzuführen. Und meine Talente sind im Endeffekt auf ihn zurück zu führen; ich kann auch an konkrete Erlebnisse und Begebenheiten zurückdenken, wo ich die Hand Gottes erkannt habe. Gott will sich mir geben sosehr er kann, auch in den kleinsten Gegebenheiten meines Alltags!
b) „Schauen, wie Gott in allem Geschaffenen wohnt: in den Elementen, Pflanzen und Bäumen, Tieren und Menschen, indem er ihnen das Sein gibt, sie belebt, sie wahrnehmen lässt, ihnen Verstand schenkt. Und so wohnt er auch in mir: indem er mich existieren lässt, mich beseelt, mich wahrnehmen und verstehen macht, indem er einen Tempel aus mir macht, da ich nach dem Gleichnis und Bild Gottes geschaffen bin.“
Beim Spazieren durch die Natur, beim Verweilen bei einer schönen Landschaft, vor einem Blumenstrauß kann ich fasziniert stehen bleiben und mich berühren lassen. Der Garten, der Frühling, der Umgang mit Haustieren kann mich für das Wunder der Schöpfung öffnen. Das Lächeln eines Kleinkindes, sein Heranwachsen und Entdecken der Welt, wie sich sein Charakter langsam herausschält, wie Jugendliche ihre Persönlichkeit entdecken, wie andere Menschen Eigenschaften offenbaren, die mich freuen oder erstaunen, in all dem kann ich Gottes Gegenwart erkennen. Und wie ich selbst meinen Tag meistern konnte, wie ich Freude und Zufriedenheit erlebe über meine Arbeit, wie mich Begegnungen bereichern kann ich auf Gott zurückführen, der mich Teil haben lässt an seinem Leben und seiner Liebe.
Ps 139,13-14: „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke.“ (fr.: „merveille que je suis, merveille que tes œuvres“)
c) „Erwägen, wie Gott sich in allen geschaffenen Dingen auf dem Angesicht der Erde für mich müht und arbeitet, das heißt ‚sich in der Weise eines Arbeitenden verhält’.“
cf. Röm 8,21-22: „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“
In jeder Mühe und Schwierigkeit kann ich also auch Christus als den „Erlösenden“ wieder erkennen, der heute noch sein Kreuz trägt und sich abmüht, damit die ganze Welt zur Freiheit und Herrlichkeit gelangt, die ihr von Anfang an versprochen ist. Ich kann mich an seiner Seite erfahren in diesen Mühen und Beschwerden. Und selbst meine Enttäuschungen, meine Müdigkeit und Ermattung nach einem schwierigen Gespräch oder einer mühsamen Versammlung, meine Unlust und Unzufriedenheit, meine Sorgen und Ängste über die Geschehnisse in Welt, Kirche und Gesellschaft kann ich einordnen in das Geheimnis der Schöpfung, die noch weit entfernt ist von der Vollkommenheit. Dort ist Christus weiter am Leiden und Arbeiten; dem Alltag diesen tieferen Sinn zu geben kann in mir neuen Mut wachsen lassen und die Bereitschaft, weiter mit zu arbeiten am Kommen des Reiches Gottes.
d) „Schauen, wie alle Güter und Gaben von oben herabsteigen, etwa meine bemessene Macht von der höchsten und unendlichen von oben, und genauso Gerechtigkeit, Güte, Freundlichkeit, Barmherzigkeit, usw., so wie von der Sonne die Strahlen herabsteigen, vom Quell die Wasser, usw.“
Alle Begegnungen eines Tages, alle Arbeit und Engagement kann mich also auf den verweisen, der mich und alle Mitmenschen mit vielen Gaben gesegnet hat. Im Rückblick kann ich dafür danken und Gott anbeten in diesen seinen Gaben, die mir seine Güte und Liebe immer neu vor Augen führen. cf. Beispiele sub b): alle menschlichen Qualitäten, auch meine eigenen können mich dazu führen, Gott wahrzunehmen, indem ich sie wie die Strahlen auf die Sonne oder das Wasser auf die Quelle zurück führe.
3. Kein Selbstzweck!
Gott in allem suchen und finden stellt keinen Selbstzweck dar. Es geht eher darum, durch die Dankbarkeit und die gläubige, staunende Wahrnehmung seiner Gegenwart mich neu beseelen zu lassen. Welche Antwort will ich darauf geben? Die gläubige Betrachtung des Alltags bestärkt mich im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Wahrzunehmen, wie der Herr mir und anderen Menschen nahe ist, wie er an unserer Seite geht, gibt mir Kraft und Begeisterung für mein Leben. Auf diese Liebe kann und will ich nun mit meiner Liebe antworten: frei Verantwortung übernehmen und mich neu engagieren, auch im Mühevollen und Unangenehmen. Die Dankbarkeit macht mich innerlich frei und richtet mich auf die Zukunft und die Mitmenschen aus. Hierin besteht der ultimative Sinn des täglichen Rückblicks!
Hier wäre jetzt einiges zur Wirklichkeit der Sünde zu sagen, die sich ja dem Wirken Gottes, auch in mir entgegen stellt. Beim Rückblick geht es ja auch darum meinen falschen Anhänglichkeiten auf die Spur zu kommen, Unfreiheiten, Zwängen, schlechten Entscheidungen, usw. Dort ist Gott nicht am Werk, sondern dunkle Kräfte in mir oder von außen. Dies wahr zu nehmen hilft, im Alltag Ja zum Licht und Leben zu sagen und Nein zum Dunkel und Tod, oder allem was dazu führt. Ein anderes Kapitel!